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© Robert Ludovic
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Masterminds: Experimental Group

Die vier Männer, die man leicht für eine Rockband halten könnte, sind die Köpfe hinter einer der trendigsten Hospitality-Brands Europas. Sie geben den Ton in Sachen Cocktailbars an, mixen Restaurants hinzu und garnieren das Ergebnis mit extravaganten Hotels – fertig ist die Symphonie namens Experimental Group.

21. Juni 2022


Es waren einmal drei 18-jährige Jungs aus Frankreich. Sie organisierten für ihre Schulkollegen eine Silvesterparty. Diese war aus Versehen profitabel, also nahmen die drei Schüler den Gewinn, verdreifachten ihn im Casino und gönnten sich davon ein Essen in einem Drei-Sterne-Restaurant. Diese Partynacht Ende der 1990er-Jahre, die für die meisten der Beteiligten lediglich mit einem veritablen Kater endete, markierte für Olivier Bon, Pierre-Charles Cros und Romée De Goriainoff den Startschuss zu einer erfolgreichen Karriere auf dem Hospitality-Sektor. Heute empfängt die Experimental Group in ihren Hotels, Restaurants, Cocktail- und Weinbars sowie Spas und Nightclubs Gäste in Paris, New York, London, Ibiza, Menorca, Venedig und Verbier – und sie ist mit Xavier Padovani mittlerweile um ein viertes Mitgied reicher.

Palazzo Experimental in Venedig: Im Trendbezirk Dorsoduro bieten die Zimmer und Suiten einen traumhaften Blick aufs Wasser. ©Karel Balas

VOM NEW YORKER NACHTLEBEN INSPIRIERT

Dazwischen lagen natürlich einige Meilensteine, die es zu absolvieren galt, unter anderem die Gründung des ersten eigenen Lokals. 2007 war es so weit, damals eröffnete der „Experimental Cocktail Club“ in einer kleinen Pariser Seitenstraße. Als leidenschaftliche Fans der Craft Cocktail Culture, die sie auf ihren Reisen nach New York kennengelernt hatten, war den jungen Männern sofort klar, welchen Weg sie mit ihrem Barkonzept einschlagen wollten. Sie konzentrierten sich auf Zutaten von kleinen Produzenten, auf kompromisslose Qualität und Saisonalität. Das Ergebnis genügte nicht nur ihren eigenen Ansprüchen – es traf auch den Zeitgeist der Pariser Partycrowd.

Palazzo Experimental in Venedig: Das hoteleigene „Ristorante Adriatica“ legt seinen Fokus auf Innovation und Kreativität. Das zeigt sich im Interior Design und auf dem Teller. ©Karel Balas

Denn während man in den Metropolen dieser Welt bereits auf gehobene Mixology setzte, war die französische Hauptstadt in Sachen flüssiger Genuss erstaunlicherweise unterentwickelt: Cola mit einem Schuss Rum ging damals noch als Cocktail durch. Die jungen Männer arbeiteten hart. Sie brachten sich bei, was es zu wissen gab, standen hinter der Bar, erledigten den Service und blieben nach der Sperrstunde, um noch aufzuräumen. 2010 stieß Xavier Padovani dazu und machte aus dem Trio ein Quartett. Auch in unternehmerischer Hinsicht entwickelte sich die Gruppe weiter: Zum „Experimental Cocktail Club“ in Paris kamen weitere Bars, Restaurants und als Pièce de Résistance im Jahr 2015 schließlich das erste eigene Hotel dazu.

Strandfeeling (li.): Im direkt am Canale della Giudecca gelegenen Haus lebt adriatisches Dolce Vita auch im Design. Designexperimente (re.): Hinter dem fröhlichen Interior des „Palazzo Experimental“ steht Innenarchitektin Dorothée Meilichzon. ©Karel Balas

BOUTIQUEHOTEL IM HERZEN VON PARIS

Ihre Traumlocation für das „Grand Pigalle Hôtel“ fanden sie im neunten Arrondissement an der Ecke der Rue Victor-Massé und der Rue Henry Monnier. Statt umfassender Standortanalysen verließen sich die Unternehmer auf ihr Bauchgefühl. „Es muss eine starke Bindung an das Reiseziel bestehen, an einen Ort, der uns am Herzen liegt und der Charakter hat“, erklärt Pierre-Charles Cros in einem Interview die Standortwahl – das Ergebnis gibt ihnen recht. Weitere Hoteleröffnungen folgten Schlag auf Schlag: das „Henrietta Hotel“ in Covent Garden (2017), das „Experimental Chalet Verbier“ (2018), das „Hôtel des Grand Boulevards“ (2018), „Il Palazzo Experimental“ in Venedig (2019), das „Menorca Experimental Hotel“ (2019) und das „Gran Hotel Montesol“ in Ibiza (2021). Von einer Kette zu reden wäre dennoch falsch, denn der Erfolg der Experimental Group – so sind sich die Eigentümer sicher – liegt in der Individualität der einzelnen Häuser.

Henrietta Hotel in London: Inspiriert von der Lage im Herzen von Covent Garden ist das City-Hideaway ein Traum in Rosa und Blau. ©Karel Balas

Jedes von ihnen spiegelt die Geschichte seines Gebäudes wider und holt den Vibe der Nachbarschaft ins Innere der Gästezimmer und öffentlichen Bereiche. So blieb die Originalsubstanz des venezianischen Palazzos, der nun seine Wiederauferstehung als „Il Palazzo Experimental“ feiert, erhalten. Die Streifen, die als Dekoelemente dienen, sind eine Referenz an die Geschichte der Gondolieri, während der wunderschöne Terrazzoboden eine Verneigung vor dem italienischen Architekten Carlo Scarpa ist. Ähnlich verhält es sich mit den anderen Hotels, etwa dem „Menorca Experimental“: Private Ecken, ein Spa, Zimmer, die teilweise einen eigenen Plunge-Pool haben, und Erdtöne vermitteln das Gefühl, im Urlaubstraum eines spanischen Künstlers gelandet zu sein. „Wir extrahieren die Persönlichkeit eines Ortes“, beschreibt Cros den Entwicklungsprozess – und dieser beginnt immer wieder mit einem unbeschriebenen Blatt.

Menorca Experimental: Umgeben von 30 Hektar Land entspannen die Gäste in einer Finca aus dem 19. Jahrhundert. ©Karel Balas

TEAMWORK MAKES THE DREAM WORK

Für das Interior zeichnet stets die französische Innenarchitektin Dorothée Meilichzon verantwortlich. Oft verspielt, bunt, nicht in eine Schublade passend: So präsentiert sich das Ergebnis ihrer Arbeit. Diese wiederum entsteht in enger Zusammenarbeit mit Bon, Cros, De Goriainoff und Padovani. Vor allem Olivier Bon beweist sein Auge fürs Details immer wieder – von der Glühbirne bis zu den Fläschchen lokaler Raritäten in der Minibar wählt er jedes Objekt am liebsten höchstpersönlich aus. Ansonsten kümmert er sich gemeinsam mit Xavier Padovani vor allem um die Marketingmaßnahmen und Social-Media-Auftritte aller Outlets der Experimental Group.

Experimental Beach Ibiza: Mit Blick aufs Mittelmeer verkosten die Gäste erlesene Weine, kuratiert von Top-Sommelière Julia Oudill. ©Karel Balas

Padovani bringt sich zudem gern mit seiner Liebe zu Spirituosen ein; De Goriainoff wiederum gilt als Kaffee- und Weinkenner der Gruppe. Cros sieht man häufig in einer der Küchen, wo er gemeinsam mit den Chefs arbeitet, vor allem, um herauszufinden, welche Werkzeuge ihnen die Arbeit erleichtern könnten. So eng mit Freunden zusammenzuarbeiten empfinden alle vier als große Bereicherung – und auch als eine der größten Stärken der Unternehmensgruppe. Dass die Experimental Group noch viel vorhat, ist kein Geheimnis. Womit es weitergehen soll, auch nicht: Hotels. „Wir haben etwas in Gang gebracht und lieben, was wir tun“, so Pierre- Charles Cros unlängst auf die Frage nach den nächsten Schritten.

HOTEL-LOCATIONS DER EXPERIMENTAL GROUP

Grand Pigalle Hôtel, Paris
2015 im neunten Arrondissement eröffnet. grandpigalle.com

Hôtel des Grands Boulevards, Paris
50 Zimmer in einem historischen Anwesen. grandsboulevardshotel.com

Il Palazzo Experimental, Venedig
32 Zimmer am Canale della Giudecca. palazzoexperimental.com

Henrietta Hotel, London
Gelegen inmitten von Covent Garden, 40 individuelle Zimmer. henriettahotel.com

Experimental Chalet, Verbier
Alpiner Schick im legendären Skigebiet. experimentalchalet.com

Menorca Experimental
43 Zimmer, neun mit Plunge-Pool, in renovierter Finca. menorcaexperimental.com

Gran Hotel Montesol, Ibiza
33 Zimmer in einem historischen Anwesen. granhotelmontesolibiza.com

Dieser Artikel erschien in der Falstaff TRAVEL Ausgabe Frühling 2022.

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